Vera Rockline, Schlummernder Mädchenakt
auf einem Diwan schlummernde, asiatisch anmutende nackte Schönheit mit schwarzem Haar, mit roter Blüte geschmückt, das hier gezeigte Modell erscheint wiederholt im Werk der Künstlerin, von der berichtet wurde, dass ihr selbst die berühmte russisch-französische Malerin Sinaida Jewgenjewna Serebrjakowa [Зинаи́да Евге́ньевна Серебряко́ва] mehrfach Modell gestanden hätte, subtil-erotische, gering pastose Malerei mit charaktervollem, impressionistisch flirrenden Pinselduktus und effektvoller Farbigkeit, Öl auf Leinwand, um 1930, rechts unten signiert "Vera Rockline" , Altersspuren, gerahmt, Falzmaße ca. 50 x 65 cm. Künstlerinfo: geborene Véra Nikolaevna Shlezinger [oder: Schlesinger], russisch Вера Николаевна Шлезингер, verehelichte Rockline [Рохлина], nannte sich französisch "Vera Rockline", in Russland geborene deutsch-französische jüdische Figuren-, Akt- und Stilllebenmalerin (1896 Moskau bis 1934 Paris), zunächst Privatschülerin bei Ilja Maschkow in Moskau, danach Schülerin von Alexandra Alexandrowna Exter [auch: Ekster, russisch: Алекса́ндра Алекса́ндровна Эксте́р, ukrainisch: Олександра Олександрівна Екстер] in Kiew, 1918 Eheschließung mit dem Tifliser Anwaltssohn und Philatelisten sowie späterem Inhaber des Pariser Briefmarkenhandelshauses „Maison Romeko Paris", Sergei Z. Rocklin, lebte 1919–20 in Tiflis, hier Mitglied der Jüdischen Gesellschaft zur Förderung der Künste, beschickte ab 1919 unter ihrem Mädchennamen Véra Shlezinger die Abteilung "jüdische Maler und Bildhauer" des Russischen Künstlerverbandes, im Frühjahr 1920 illegale Ausreise übers Schwarze Meer, mit Station in Konstantinopel, nach Frankreich, zunächst im Heimatort ihrer frz. Mutter in Rèsé-sur-Ours in Burgund lebend, 1921 Umzug nach Paris und Trennung von ihrem Mann, wirkte im Künstlerviertel Montparnasse, zunächst vom Kubismus beeinflusst, näherte sie sich schließlich in der Malweise der impressionistischen Auffassung von Paul Cézanne, beschickte ab 1922 unter dem Namen "Vera Rockline" den Salon des Indépendants, den Salon d´Automne sowie den Salon des Tuileries in Paris, ab 1933 Mitglied der Kunstsektion des Verbandes Russischer Künstler in Frankreich, tätig in Paris, Quelle: Vollmer, Saur "Bio-Bibliographisches Künstlerlexikon", Bénézit, Nachruf von Alexander Nikolajewitsch Benois (1870 St. Petersburg bis 1960 Paris) in der Zeitung "Последние новости (Neueste Nachrichten]" Nr. 4979 vom 10. November 1934 und Internet. Weiter führende Info zur Künstlerin: Nachruf von Alexander Nikolajewitsch Benois (1870 St. Petersburg bis 1960 Paris), in der Zeitung "Последние новости (Neueste Nachrichten]", Nr. 4979 vom 10. November 1934 widmete der bekannte Maler der früh verstorbenen Künstlerin einen rührenden Nachruf: "Verstorbene – Vera Rockline – ich kann mir nicht verzeihen, dass ich diese bemerkenswerte Künstlerin zu Lebzeiten nicht gewürdigt und ihr nicht die gebührende Ehre erwiesen habe. Vielleicht hätte mir dies Genugtuung verschafft, insbesondere da ich sie genau für das gelobt hätte, was andere ihr wohl vorgeworfen haben: dass sie, nachdem sie zunächst allerlei "obligatorische Neuerungen" übernommen hatte, sich plötzlich von ihnen abwandte und einen wahrhaft neuen Weg suchte, ihren eigenen, und diesen in einem immer aufmerksameren Studium der Natur fand. Allerdings muss gesagt werden, dass genau dieser Weg erst jetzt, da ihr so abrupt unterbrochenes künstlerisches Werk in seiner Gesamtheit vor uns liegt, vollständig sichtbar geworden ist. Obwohl ich Rocklines Gemälde Jahr für Jahr auf Ausstellungen wahrgenommen habe, gingen sie doch im geschäftigen Treiben des Pariser Kunstlebens irgendwie unter und es schien mir nicht nötig, sie hervorzuheben. – Sie verdient es zweifellos besonders hervorgehoben zu werden. Rocklines Kunst verdient es, wahrhaftig in Erinnerung zu bleiben und für die Nachwelt bewahrt zu werden. Vera Rockline konnte ihr letztes, entscheidendes Wort nie sprechen; ihr fehlte die Zeit, ihr Meisterwerk zu vollenden. Alles, was die letzte Phase ihres Schaffens ab etwa 1930 ausmacht, kann als eine Vorbereitung auf etwas Größeres, etwas wovon sie träumte, betrachtet werden. Doch schon dieser Annäherungsprozess selbst besteht aus ungewöhnlichen Erfolgen: Man kann nicht anders, als jeden einzelnen zu bewundern, jede Freude und Begeisterung, und im Großen und Ganzen fügen sie sich zu einem einzigen, originellen Werk zusammen, durchdrungen von einer Art edler Sinnlichkeit, einer beständigen, aber auch beglückenden Leidenschaft. Und seltsamerweise wird in diesen Werken mit dem Pinsel einer Frau ein Frauentyp verherrlicht, wie ihn vielleicht keine andere Künstlerin unserer Zeit besungen hat. Gleichzeitig ist die gesamte Venustas [Anmut und Schönheit] von einer charmanten und stets rein weiblichen Bescheidenheit umhüllt. Dem heute so verbreiteten Zynismus, jenem vulgär-erotischen Prinzip, das oft von höchst begabter Kreativität verzerrt wird, wird man hier nicht finden. Sucht man nach Phänomenen, die der letzten Schaffensphase Vera Rocklines nahekommen, dann erinnert man sich unwillkürlich an die Kunst Sinaida Serebrjakowas. Im Wesentlichen, in der Form, in einer gewissen Stimmung und letztlich sogar in der Technik besteht eine große Ähnlichkeit. Wir wissen jedoch nicht, ob es hier einen tatsächlichen Einfluss gab, ob Rockline ihre begabte Landsfrau bereits hier in Paris "entdeckte", oder ob sie einen ganz eigenen Weg beschritt und dieser nur auf Grund gewisser Sympathien (ihre halbfranzösische Herkunft sei hier für diejenigen erwähnt, die Wert auf ethnische Merkmale legen) zu etwas führte, das der Kunst Serebrjakowas sehr nahe kam. Jedenfalls ließ Vera Rockline, die als sehr junge, aus dem fortschrittlichen Moskau stammende Frau nach Paris kam, in ihren ersten Jahren nichts erkennen, was darauf schließen ließ, dass sie mit Serebrjakowas Werk überhaupt vertraut war. Gerade diese ersten Pariser Experimente begannen die Pariser Kritiker zu loben. Über mehrere Jahre hinweg betrachtete Rockline es als ihre Pflicht, Formen in schillernde Prismen zu zerbröseln und sie mit farbigen Strahlen zu durchdringen. Genau dafür wurde ihr der Aval-Preis verliehen, obwohl die Naivität einer solch rein formellen Anwendung einer fremden Manier offensichtlich ist. Sie genoss weiterhin Anerkennung, selbst als sie sich im Geiste des späten Renoir einem übertriebenen Kolorismus zuwandte – waren es doch die Werke dieser zweiten Periode, die schließlich in öffentlichen Museen landeten. Doch offenbar blieb die Künstlerin selbst dieser Anerkennung gegenüber gleichgültig und mit ihrem feinfühligen und schafsinnigen Geist (des "Geistes einer Künstlerin") wurde ihr offenbar, dass dieser eingeschlagene Weg sie nirgendwohin führen würde und dass sie sich nach etwas völlig anderem umsehen musste. – Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Vera Rockline überhaupt nach etwas gesucht hat; alles was sie in den letzten drei oder vier Jahren geschaffen hat, strahlt Selbstbewusstsein und Spontanität aus. Man könnte ihre Werke als "heiter" bezeichnen – und obwohl dieses Wort mittlerweile aus vielerlei Gründen inflationär und völlig unberechtigt verwendet wird, trifft es in diesem Fall vollkommen zu. In den jüngsten Arbeiten der Künstlerin findet sich keinerlei Hektik und nichts Beunruhigendes. Landschaften, Portraits und Akte – sie alle sind von einer tiefen Ruhe erfüllt. Das bedeutet aber nicht, dass sie kalt oder gleichgültig wären. Im Gegenteil – überall bricht eine große, innige, rein künstlerische Begeisterung hervor, die sich jedoch in Formen von gänzlich klassischer Souveränität äußert. ..."